MIND SHAPES
von Köpfen, die dazwischen sind
Die Redewendung "Die Welt steht Kopf" beschreibt eine Situation, in der die Dinge nicht so sind,
wie sie sein sollten. Eine kopflos gewordene Zeit ist keine gängige Redewendung, sondern eine
metaphorische Beschreibung für eine chaotische, unstrukturierte oder orientierungslose Zeit, in der
es an Plan, Zusammenhang oder Kontrolle mangelt. Der Ausdruck kann sich auf eine Neuordnung
beziehen, nach einer Phase in der sich die Dinge überstürzen, ähnlich wie eine Person, die "kopflos"
handelt; Zeit den Kopf freier zu bekommen und sich in einer verdrehten Gegenwart über den Kopf
hinaus zu beschäftigen,
"Denn es ist nicht genug, einen guten Kopf zu haben; die Hauptsache ist, ihn richtig anzuwenden". René Descartes.
Zwischen Ausdrucksstärke und mehrdeutiger Rolle ist der menschliche Kopf seit jeher ein zentrales
Bildmotiv in der Kunst – vor allem in der Bildhauerei. Die Faszination mag darin begründet sein,
daß wir Menschen den Kopf als zentrales Merkmal des Geistes und der Sinne, vor allem aber
unseres Selbst empfinden. Anders als in den bisher vertrauten figurativen, meist antiken
Kopfbüsten, die später von der Moderne befreit wurden oder den malerischen und fotografischen
Porträtbilder von Menschen in bestimmten Situationen collagieren, digitalisieren, abstrahieren oder
fragmentieren in der Ausstellung M I N D S H A P E S KünstlerInnen den Kopf - schauen dahinter,
verdecken oder verfremden sein Antlitz – oszillieren zwischen abstrakten, geometrischen Formen
und einem figurativen Objekt. Im gesellschaftlichen Wandel hat in etlichen Anblicken eine
Transformation stattgefunden. War die Antikenrezeption noch bis in die 90er Jahre des letzten
Jahrhunderts von melancholisch anmutenden Gips-Abzügen von Götterköpfen und der damit
untergegangenen klassischen Kultur geprägt, vor allem bei den der Arte Povera zuzuordnenden
Künstlern, so hat sich die Aneignung antiker „Vorbilder“ verändert. Das auf sich selbst bezogene
Werk oder reproduzierte Abbild hat sich später und heute auch formal zugunsten authentischer und
existenzieller Erzählungen und einer verstärkten persönlichen Auseinandersetzung mit
Alltagsrealitäten gewandelt.Vor allem das dialogische Moment ist ein wesentlicher Aspekt für das
(fotografische) Porträt, über das gesagt wird, es sei ein Bild von eines Menschen, der weiß, dass er
abgebildet wird. Der Blick in eine Kamera ist auch eine Selbstbefragung und wird zugleich zum
imaginären Spiegel. Und auch wir als Betrachter:innen erkennen uns in diesem abgebildeten
Augenblick wieder. Dieser direkte Blickwechsel, mit dem sonst die (Selbst-)Betrachtung beginnt,
verändert sich, auch mit der Verkleidung des Gesichts: Maskerade als Strategie der Inszenierung
von Geschlechteridentitäten - zwischen Zeigen und Verbergen?
Immer wieder Köpfe - die KünstlerInnen der Ausstellung M I N D S H A P E S finden für den Kopf
ungewohnte Ausdrucksformen, die nur auf den ersten Blick an die Metamorphosen seiner Kulturund
Kunstgeschichte und damit an die Ikonographie von Material und Form im Wandel
gesellschaftlicher Konstruktionen erinnern. Das immer wiederkehrende dialogische Verhältnis
verwandelt sich mit den künstlerischen Medien, wird aufgelöst, ausgelöscht und neu
zusammengesetzt. So wird die Welt wieder eine andere und spiegelt mit ihren „Köpfen“
möglicherweise auch zukünftige Sichtweisen wider.
In gewisser Weise bleiben sie rätselhaft. Es werden neue imaginäre Spuren hinterlassen, die nicht
nur im Kopf weiter gedacht und nicht unwiderruflich festgehalten werden. Portrait- und Gender-
Narrative verschieben - ja erweitern - den gewohnten Blick und unsere Sehgewohnheiten.
Die Natur des Menschen hat sich in vielerlei Hinsicht verändert und damit ihr conditio humana.
Lange stellte sich die Frage: was passiert in den Köpfen? Wissen, so der Philosoph David
Weinberger, ist nicht mehr in den Köpfen, sondern zwischen den Köpfen. Dort öffnen sich Räume,
die (noch) von Verborgenem erzählen. Einige „Köpfe“ in der Ausstellung scheinen leise zu
rebellieren - andere stellen selbstbewusst Fragen nach Geschlechterkonstruktionen, hinterfragen
klassische Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Über allen Kopfformen schwebt auf
vielfältige Weise der Gedanke der Freiheit - den Kopf (ver)drehen in einer Welt, die auf dem Kopf
steht. Manche davon scheinen sich hinter der Maskerade aus bisher historisierend erscheinenden
Zusammenhängen selbst gelöst zu haben. Dadurch entlarven sie nicht nur bisherige
gesellschaftliche Konventionen, sondern schaffen in zunehmend kopfloseren Zeiten nicht nur neue
Bilder im Kopf, sondern auch (kollektive) Gesellschaftsbilder ...
„Eine Maske verrät uns mehr als ein Gesicht“, Oscar Wilde